Joggen verboten

In ihrer gestrigen Wochenendausgabe berichtet die Haaretz ausführlicher über die Demonstration in Beit Shemesh Anfang der Woche. Bis zu 1.500 Menschen waren gegen religiöse Gewalt auf die Straße gegangen; einige Tage zuvor hatten Ultra-Orthodoxe eine Frau und einen Mann im Bus verprügelt, nachdem die Frau ihrer Aufforderung, sich getrennt von den Männern in den hinteren Teil des Fahrzeuges zu setzen, nicht nachgekommen war. Gegenüber der Presse berichteten die Einwohner/innen von weiteren Vorfällen in der Stadt, in der die Haredim genannten streng-religiösen Jüdinnen und Juden ein Drittel der Bevölkerung ausmachen.

Obgleich die Wohnviertel der Ultra-Orthodoxen und der säkularen oder nicht-orthodoxen religiösen Einwohner/innen deutlich voneinander getrennt sind, gibt es Berührungspunkte – etwa am Rabbi Herzog Boulevard, der die Nachbarschaften abgrenzt. Früher hieß die Straße mal Hadekel (Der Palmen-) Boulevard, wurde aber, so heißt es, auf Druck der Religösen umbenannt. Namen, die sich nicht am Judentum und seinen Rabbis orientieren würden, seien ein Tabu. Joggen könnte man als Frau in der Straße nicht mehr, sondern würde dann von Kindern mit Steinen beworfen. Plakate und Transparente an Geschäften und Wohnhäusern forderten Frauen auf, sich anständig – also in Rock, mit bedeckten Armen und Beinen und mit Kopftuch – zu kleiden. Am Schabbat, an dem Religiösen jede Form von Tätigkeit verbieten wollen, werden Autofahrer/innen mit Steinen attackiert. Zuweilen würden die Straßen mit umgeworfenen Mülltonnen versperrt. Wenn sie am israelischen Unabhängigkeitstag eine Fahne an ihrem Auto befestigt, erzählte eine Anwohnerin, wird diese sofort von dem antizionistischen Teil der Ultra-Orthodoxen abgerissen. Diese lehnen den Staat Israel ab, da erst mit der Wiederkehr des Messias wieder ein jüdisches Land entstehen dürfe. Die Protestierenden sangen deswegen demonstrativ die Hatikvah, die israelische Nationalhymne.

Die Polizei, die zu mehr Engagemt gegen die orthodoxen Rowdies aufgefordert wurde, gibt sich unterdessen machtlos. Als sie die Angreifer im Bus vor zwei Wochen verhaften wollte, wurde sie von einer Menge von Religiösen angegriffen. Ihr Dienstfahrzeug wurde attackiert und alle vier Reifen aufgeschlitzt. Einige der Anwohner/innen, von denen viele aus den USA, Russland oder Äthopien eingewandert sind, überlegten, aus der Stadt wegzuziehen. Doch nach Gesprächen mit Freund/innen und Nachbar/innen, erzählt eine Frau, habe sie sich vielmehr entschlossen, gegen die Gewalt der Ultra-Orthodoxen aktiv zu werden.


2 Antworten auf “Joggen verboten”


  1. 1 Markus Merz 11. November 2007 um 19:06 Uhr

    Absolut erschreckend dieser Fanatismus. Das kann man sich hier in Deutschland nicht mal ansatzweise praktisch vorstellen.

  2. 2 Counting the Cats 12. November 2007 um 9:31 Uhr

    Man erzählt sich ja, dass in einigen Gegenden Ostdeutschlands Teile der Bevölkerung mit der Freizügigkeit auch so ihre Probleme haben…

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