Rassismus? Antisemitismus? Nationalismus? Puh…

Am Wochenende hat es uns nach Betlehem verschlagen, jenseits der Mauer. Entspannt war es, und das Streifen durch die Altstadt, aber auch die Straßen abseits der Touri-Meilen blieb recht unkompliziert. Im Gegensatz zu unseren bisherigen Besuchen in arabischen Städten oder Vierteln Israels und Palästinas wurden wir diesmal nicht angegriffen.

Mit blonden Haaren oder sogar noch Dreadlocks ist man hierzulande ja recht einfach als Ausländer zu erkennen. Dementsprechend oft wurden wir auch schon von Kids darauf angesprochen. Erstmals in Nazareth, der größten arabischen Community Israels, gingen diese Reaktionen fast immer mit Feindseligkeiten einher; es gab dumme Sprüche (die wir nicht verstehen konnten) oder wir wurden mit Spielzeugwaffen (gar nicht mal so harmlos sind) beschossen. Als wir eines Tages von der Jerusalemer Altstadt ostwärts gingen, bis es nahe der Grenze, wo sie Mauer ist, nicht mehr weiterging, setzte es dann von einigen Heranwachsenden unvermittelt Steine. Nicht nur einmal, sondern eine Stunde und ein paar Kilometer weiter erneut. Nur war es diesmal lustiger, weil die Kids wesentlich kleiner und die Steine damit auch nur Kiesel waren, die keiner geworfen haben wollte, wenn wir uns umdrehten. Zurück in der Altstadt von Jerusalem und abseits der Hauptstraßen gab es wieder Plastikgeschosse. Ziepen ziemlich und hinterlassen rote Stellen. Die gehen allerdings nach ein paar Tagen weg, im Gegensatz zu einer Wunde, die ein palästinensischer Jugendlicher uns in seinem Kiez nahe der Mauer zeigte. Als vor einem Jahr nahe einer Polizeistation unterwegs gewesen war, sagte er, wäre er unvermittelt mit Gummigeschossen angegriffen worden. Deshalb warnten er uns seine Homies uns, nicht weiter nach Westen (=Richtung Jerusalem) zu gehen, weil „die Juden“ dort schießen würden.

Mit den Steinewerfern und Pistolenkids konnten wir mangels Friedfertigkeit und Englischkenntnissen natürlich nicht reden. Das Aufwachsen in der Besatzung und die ständige Präsenz von Militär, verbunden mit großen Portionen Jugendlichkeit und Propaganda, machen die Gewaltbereitschaft freilich nachvollziehbar. Allerdings hätte es uns schon interessiert, warum wir angegriffen worden waren. War es banaler Rassismus, weil wir Ausländer/innen sind? Antisemitismus, weil wir Repräsentanten des Weltjudentums und seiner Enklave im Nahen Osten seien? Oder könnte man das unter Nationalismus verbuchen, der uns als Vertreter/innen der Besatzungsmacht wahrnahm? Die Grenzen könnten freilich fließend sein.


10 Antworten auf “Rassismus? Antisemitismus? Nationalismus? Puh…”


  1. 1 lysis 12. November 2007 um 10:44 Uhr

    Man muss ja wohl kaum Nationalist sein, um die Besatzungsmacht nicht zu mögen!

  2. 2 besserscheitern 12. November 2007 um 11:38 Uhr

    @lysis

    bleiben die anderen fragen: rassismus, antisemitismus, bock auf stress?

    Da es sich um vor allem um Kinder handelte, bezweifle ich auch, dass die geworfenen Steine als Akt der nationalen Befreiung zu interpretieren sind. Genauso wie die Kinder wohl kaum irgendeiner anderen Ideologie anhängen, weil sie eben Kinder und daher noch garnicht in in der Lage sind, komplexe Ideologien zu verinnerlichen.

    Sehr wohl können sie aber ein Klima der Rechtfertigung in ihrer Umwelt wahrnehmen. Es ist für die Kids offenbar nicht verwerflich auf bestimmte Menschen mit Steinen zu werfen. Das lässt Fragen offen welche Erziehung dahinter steckt.

  3. 3 lysis 12. November 2007 um 15:01 Uhr

    Naja, Hauptsache man hat’s unter eine der üblichen linken Rubriken geheftet, wa?
    Ist doch egal, ob die euch mit Steinen bewerfen oder nicht. Wen juckt das?

  4. 4 anti-touri 12. November 2007 um 16:07 Uhr

    Ich finds geil, dass sich die Kids trauen, Touris mit Steinen zu beschmeissen, obwohl die als Vertreter der globalen Oberschicht und Devisenbringer unter besonderem staatlichen Schutz stehen.

  5. 5 Antifa 12. November 2007 um 17:13 Uhr

    @lysis, anti-touri
    Wen juckt das, wenn Rassisten die Touris in der Brandenburger Mark oder dem Pommernstrand aus der Stadt jagen, hauptsache, die Antifa hats für ihr Wohlbefinden in eine der üblichen Kategorien geheftet.

  6. 6 Counting the Cats 12. November 2007 um 19:51 Uhr

    @Lysis

    Genau, was interessieren schon Vorurteile, Ideologien oder was auch immer, die wahllose Angriffe auf irgendwelche Leute rechtfertigen? Lass uns lieber weiter Antideutsche bashen!

    Und in welche Rubrik linker (du meinst sicher: antideutscher) Befindlichkeiten ordnest du es denn ein, nach Palästina zu fahren, sich die Zustände dort anzugucken und mit den Leuten zu quatschen? Elendstourismus? Selbstvergewisserungskaffeefahrt?

    Du kannst dich ja mit anti-touri zusammentun und ihr könnt die Welt weiter vom heimischen Schreibtisch oder Fernsehsessel aus kennenlernen.

    Wie es in den Wald hineinschallt, …

  7. 7 Selber ein nur "Zuhause"- Rumhänger 12. November 2007 um 21:43 Uhr

    „…ihr könnt die Welt weiter vom heimischen Schreibtisch oder Fernsehsessel aus kennenlernen.“– Yesss. Das hat gesessen. Hehe. :P

  8. 8 lysis 15. November 2007 um 15:05 Uhr

    Tatsächlich läuft der Rassismus in Israel wohl eher andersrum: Youth believe Arabs dirty, uneducated

  9. 9 (re)fuse 15. November 2007 um 16:50 Uhr

    1.) Warum sollten die Angriffe „wahllos“ sein? Ist das nicht das Gegenteil von dem von Euch postulierten „Rassimus gegen Deutsche“, von dem ihr als aufrechte Volksgenossen euch diskriminiert fühlt?

    2.) Steine schmeissende Kinder mit dem mordenden deutschen Mob gleichzusetzen ist ja wohl das allerletzte! Diese Kinder haben Deutsche angegriffen, der deutsche Mob tötet alles nicht-Deutsche. Unterschied klar geworden?

  10. 10 Counting the Cats 15. November 2007 um 23:42 Uhr

    @lysis
    Vorurteile sind also nicht schlimm, wenn andere sie auch haben? Super.

    @(re)fuse
    Soll man das ernstnehmen? Lies einfach nochmal, was oben steht.

    Ich verstehe nicht, worauf das hier hinausläuft. Darf es unter „den Palästinensern“ keine Hoschis, darf es außerhalb der westlichen Welt keine Vorurteile oder Ideologien geben? „Die Palästinenser“ als Kollektiv zu behandeln, indem man sie durch die Bank weg verteidigt, aber „sie“ nicht als vielfältige und pluralistische Gesellschaft wahrnimmt, hat viel mit der Liebe zu einem vorgestellten revolutionären oder unterdrückten Subjekt, eigenen innerlinken Befindlichkeiten und Rassismus zu tun. Aber wahrlich nichts mit Gesellschaftsanalyse und -kritik.

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