Bestes Befindlichkeitskino

Das ist wohl wenig konstruktiv: Ich liebe es, Diskussionen zu erleben. Nicht teilzunehmen oder aus ihnen zu lernen. Sondern von ihnen unterhalten zu werden. Wenn Gesprächspartner/innen aufeinander treffen, die von ihren Meinungen überzeugt sind, wenn ein uneinsichtiges Publikum gegen Referent/innen ankämpft und sowieso alle so verbiestert an ihre Version der Dinge glauben, dass sie sie mehr mit Nachdruck als neuen Argumenten vermitteln wollen – dann ist das für mich wahrlich großes Kino. Um den Dialog freilich darf es dann nicht mehr gehen, sondern um Überzeugungen; und als genießender Zuhörer muss ich im Stoff stecken, um mögliche Kritiken, Antworten und Einwände voraussehen und von ihrer Anwendung überrascht werden zu können. Jeder erstbeste Streit bringt es nicht. Wichtig: Man sollte die Freiheit haben, nicht selber partizipieren, um moderierende Sachlichkeit oder Konstruktivität bemüht sein zu müssen.

Israel ist da ein gutes Pflaster: Im öffentlichen Streit werde ich Touri aus Deutschland schön meine Klappe halten; nicht nur ist das hier nicht meine Party, sondern wissen es genügend andere sowieso besser. Zwei jüngste englischsprachige Veranstaltungen um die israelischen Siedlungen in der Westbank boten insofern bestes Befindlichkeitskino.

In beiden war Akiva Eldar, Journalist bei der liberalen Haaretz, anläßlich der Veröffentlichung der englischsprachigen Ausgabe von „Lords of the Land“ Referent zum Thema geladen worden. In seinen Vorträgen begründet er, dass die Siedlungen ein Unterfangen seien, das den zionistischen Charakter des Staates Israel zutiefst entgegenstehen würde. Denn die Städte und Außenposten in der Westbank würden dem Postulat eines demokratischen, freiheitlichen, gerechten und friedenssuchenden Staates, das in der Unabhängigkeitserklärung festgeschrieben ist, zuwiderlaufen.

Den Vortrag Eldars hörte ich zuerst in dem kleinen linken Veranstaltungszentrum Daila, das vom Israeli Committee against House Demolitions in Jerusalem betrieben wird. Vor einem Publikum internationaler Herkunft, das sich aus Voluntären wie Angestellten von NGOs und vielleicht sogar diplomatischer Vertretungen wie auch Teilnehmer/innen aus Palästina zusammensetzte, referierte Eldar seine Ausführungen. Ab und zu murmelten Teile des Publikums antisemitische Kommentare zu ihren Nachbar/innen: So war etwa zu hören, dass die Israelis die Palästinenser auch alle gerne umbringen würden, wenn sie nur könnten, wie sie wollten.

Es war überraschend, dass Eldars pragmatische Herangehensweise an den Friedensprozess, die die gegebenen Realitäten akzeptierte und eine sichere und lebensfähige Zwei-Staaten-Lösung für beide Seiten favorisierte, besonders von den anwesenden Palästinensern heftig kritisiert wurde. Einer berief sich vielmehr auf historische Rechte und meldete mit dem wiederholten Verweis darauf, dass die Grenzen von 1967 ihnen nur 22 Prozent des historischen Palästinas zusprechen würden, Ansprüche auf das heutige Israel an. Von einem andern wurde Eldar angegriffen, weil er gerade die Beziehungen zwischen israelischer Regierung und PLO sowie ihre innen- als auch außenpolitischen Spielräume berücksichtigte. Der Kritiker akzeptiere es nicht, dass nicht eindeutige Grundlagen wie Völkerrecht oder Geschichte (!) die Grenzziehungen bestimmen würden.

Eldar, der nicht davor zurückgeschreckte, Begriffe wie Apartheid zu benutzen, gehört laut eigener Aussage nicht zu jenem großen Teil der israelischen Linken, der nach dem Scheitern des Friedensprozesses der 90er Jahre seine Hoffnung auf die Zwei-Staaten-Lösung aufgegeben hatte. Dass seine Positionen als die jenes Teils der israelischen Öffentlichkeit, der den Palästinensern mit am weitesten entgegenzukommen bereit ist, bei Partner/innen auf deren Seite auf so energischen Widerspruch stoßen, wirft damit ein unheilvolles Schlaglicht auf die Möglichkeiten einer Verständigung.

Anfang dieser Woche nun war Eldar zusammen mit Talia Sasson und Suhail Khalilieh zu einer Podiumsdiskussion in das Jerusalemer Yakar-Gemeindezentrum eingeladen worden. Sasson hatte im Auftrag der Regierung Sharon einen sehr kritischen Bericht über die selbst nach israelischem Recht illegalen kleineren Siedlungen in der Westbank verpaßt, während Khalilieh Mitglied eines Jerusalemer Institutes ist, das die Siedlungen beobachtet. Das Motto des Gemeindezentrums, „Tradition & Creativity“, wie auch der offensichtlich hohe Anteil religiöser Zuhörer/innen ließ auf eine kontroverse Debatte hoffen. Vorher jedoch galt es, sich die größtenteils viel zu langen Vorträge der Gäste im Podium anzuhören, die unterschiedlich harte Kritik an den Siedlungen in der Westbank und den illegalen Außenposten äußerten.

Im Anschluss hatten die drei es erwartungsgemäß mit einem dickköpfigen Publikum zu tun: Fast alle erdenklichen und bekannten Argumente, warum Israel Anspruch auf die Westbank bzw. „Judäa und Samaria“, wie es in der Rechten heißt, hätte, wurden durchgekaut. Die Araber haben nunmal die Kriege verloren, hieß es, und damit würden auch Gebietsverluste einhergehen; Vergleiche zum Zweiten Weltkrieg wurden gezogen, nach dem die Deutschen schließlich auch Gebiete verloren haben, die sie nicht zurückverlangen; und die Balfour-Deklaration der Briten von 1917 wurde herangezogen, die den Zionisten schließlich eine Heimstätte in Palästina versprochen hatte. Sachlichkeit nützte wenig. Eine von Eldars Entgegnungen, dass Balfour etwa zugleich viel Wert auf die bürgerlichen und religiösen Rechte der bestehenden nicht-jüdischen Gemeinschaften gelegt hatte, ging im lautstarken Trubel unter. Als nach dem Hinweis auf palästinensische Gewalt und deren Folgen geäußert wurde, dass bei israelischen Angriffen gleichfalls Kinder sterben würde, erntete das zänkischen Widerspruch: Nein, das stimme nicht.

Gleichfalls wenig konstruktiv zeigte sich Khalilieh, als eine der wenigen sachlichen Fragen den Aspekt der israelischen Sicherheit und des palästinensischen Terrors thematisierte. Solche Äußerungen, antwortete er, „kotzen ihn an“. Schließlich sei arabische Gewalt irrelevant und nur eine Reaktion auf das israelische Verhalten. Wenn sich die Israelis zu benehmen wüßten, gäbe es dieses Problem nicht. Sasson kam bei alledem leider gar nicht zu Wort, während Eldar sich zwar treffend, aber doch zu häufig äußerte. Geschlossen wurde die Diskussion von der dumm-naiven Frage an Khalilieh, ob er den Anwesenden als Vertreter der anderen Seite nicht noch kurz etwas über das Wesen der Palästinenser sagen könne…

Diese Ignoranz gegenüber einem friedlichen Zusammenleben, kompensiert mit vorurteilsbeladenen Befindlichkeiten und den stetig wiedergekäuten Selbstvergewisserungen über die eigene Position, machten eine Diskussion an diesem Abend schwer, wenn nicht gar unmöglich. Zugleich jedoch machten sie die Veranstaltung, trotz der doch eigentlich so ernsten Problematik, sehr unterhaltsam. An eine Teilhabe an alledem hatte ich nicht einmal gedacht – zu schnell würde man dann bei einer anderen Einstellung landen, die, geäußert aus deutschem Munde, nicht weniger problematisch und vorurteilsbehaftet ist. Seit mehr als einem Jahrzehnt, meinte eine Deutsche im Anschluss, lebe sie in Israel – und seitdem versuche sie, den Nahen Osten vor sich selbst zu retten. Als ob ausgerechnet das nun auch noch nötig wäre.