Annapolis

Seit wir in Israel sind, geht die deutsche Nahost-Berichterstattung völlig an mir vorbei. Keine rührigen Geschichten über arme Palästinenser mehr aus der Süddeutschen, keine Shocking-News von Spiegelonline. Vielleicht mal ein paar Agentur-Meldungen aus den heimischen Regionalzeitungen gelangen in den Blick. Ansonsten trudelt einzig die Jungle World – mit einwöchiger Verspätung – hier in Jerusalem ein, die jedoch selten über Tagespolitik berichtet.

Die heute erschienene Ausgabe habe ich nun aber mal online gelesen, weil die Redaktion das Treffen in Annapolis am kommenden Dienstag zum Schwerpunkt gemacht hat. Der fällt jedoch äußerst dünn aus. So gibt ein Jörn Schulz einen Überblick über die innenpolitische Situation der palästinensischen Gesellschaft, kann jedoch mangels Ausblick nicht mehr aus beschreiben. Wie Ivo Bozic, der das Interesse der USA an Annapolis in deren Gesamtstrategie zur Konsolidierung ihrer Politik gegen den Iran einordnet, übersieht er die mögliche Auseinandersetzung Israels mit der Hamas im Gaza-Streifen. Obgleich der Countdown zu Annapolis die Berichterstattung dominiert, deutet in der hiesigen Presse nicht wenig bereits seit Wochen darauf hin, dass nach dem Treffen in den USA eine größere Militäroperation ansteht.

Oberflächlich bleibt zudem leider Andrea Livnats Beschreibung der israelischen Stimmung vor Annapolis. Bei ihr liest es sich darüber hinaus, als ob die Knesset jüngst ein Gesetz beschlossen hätte, das die Teilung Jerusalems erschwert; vielmehr jedoch passierte der Entwurf nur die erste Sitzung und muss in Ausschüssen und dem Parlament noch weiter diskutiert werden.

Interviews oder Analysen von bzw. mit Wissenschaftlern, Vertretern von Initiativen oder den interessanten oder emanzipierten Rändern der israelischen oder palästinensischen Gesellschaft suchte man bei diesem Jungle-World-Schwerpunkt dagegen vergebens. Schade, dass es die titelgebenden lahmen Enten insofern nicht nur beim Annapolis-Treffen, sondern auch in der Ausgabe gab.

Lahme Enten fliegen flach
Wem gehört die Stadt
In Annapolis ist kein Staat zu machen
Reich sein genügt nicht