Es war Weihnachten?

Weihnachten kann man hier im jüdischen Westjerusalem fast verpassen. Keine Adventsleuchter, Tannenbäume, Weihnachtsmänner oder Kaufrauschbummler attackieren den guten Geschmack auf offener Straße; stattdessen packen die Letzten ihre Chanukka-Leuchter wieder weg und lassen den Alltag seinen Gang gehen. Einige würden sagen, dass die Geburt des Christentums für Jüdinnen und Juden wahrlich kein Grund zum Feiern, sondern der Beginn religiös motivierter Verfolgungen und Pogrome ist. Man kann das Ausbleiben von Weihnachten jedoch auch einfach damit erklären, dass das Fest hier in der Region, in der der Alltag auch der Säkularen von jüdischen Traditionen bestimmt wird, einfach keine Rolle hat. Einen Weihnachtsmarkt in der protestantischen Gemeinde Jerusalems vor kurzem könnte man eher als kuriose Mischung aus Gemeindetreff und Flohmarkt bezeichnen als das, was in Deutschland einen vollgestopften Adventsmarkt ausmacht.

Erst bei einem Kurzbesuch in Haifa am Wochenende wurden wir daran erinnert, dass in der Ferne zu Hause gerade die Feiertage anbrechen. In der Stadt leben zwar ein paar Tausend arabische Christen, aber auch nur ein paar hatten ihre Wohnungen und Schaufenster mit Schmuck und Klimmbimm dekoriert. Beeindruckt waren wir eher einmal mehr davon, wie toll Haifa ist – und das liegt nicht nur daran, dass es nicht Jerusalem ist. Die Stadt strahlt vielmehr einen angenehm urbanen Flair aus, ohne hektisch zu sein; sie ist weitgehend säkular; mit ihrem scheinbar lockerer als anderswo funktionierendem Zusammenleben von jüdischen und arabischen Einwohner/innen pluralistisch; mit ihrer industrialisierten Downtown und der Lage am Karmelgebirge abstoßend bebaut und gentrifiziert wie auch faszinierend schön; und in der Ben-Gurion-Avenue wird ein wunderbarer Halumi-Salat serviert. Nur die Broschüre des lokalen Tourismus-Büros hat uns geärgert, weil sie uns am Sonnabend zum Ghetto-Fighter-Museum im nahen Kibbuz Lochamei haGeta‘ot geschickt hat, das jedoch gar nicht geöffnet hatte. Schade. Das laut Tourismusbüro im Nahen und Mittleren Osten einzigartige Festival der Festivals in Haifa, das interreligiös Chanukka, Weihnachten and Id al-Adha begeht, konnte uns angesichts vieler Stände mit Spielzeug aus China und Taiwan auch nicht so recht dafür entschädigen.

Weihnachten wollten wir uns mal den Trubel in Bethlehem anschauen, von dem wir meinten, dass er mit jeder IKEA-Eröffnung problemlos mithalten könnte. Etwa 20.000 Leute wurden allein für die gestrige Nacht erwartet. Als wir jedoch am Abend in der Stadt ankamen, war alles recht überschaubar: Neben einigen asiatischen Reisegruppen sowie wenigen hektischen und verpeilten Touristen bevölkerten vor allem viele arabische Einwohner/innen und Besucher/innen die Stadt. Die meisten seien gekommen, erklärten uns ein paar nette lokale Jugendliche, weil ein berühmter palästinensischer Sänger auftreten sollte. Der Rest stammte ihrer Aussage nach aus Hebron und wollte ausländische Mädchen aufreißen. Oder zu völlig überteuerten Preisen Tinneff, Kaffee, Postkarten oder sogar Kaugummis verkaufen.

Alles und alle waren zwar recht nett und entspannt – trotz der schwer bewaffneten palästinensischen Sicherheitskräfte, die die ganze Stadt in Beschlag genommen hatten –, aber bis zur Mitternachtsmesse wollten wir in der Kälte nicht so recht warten. Von den neuen Street-Art-Werken einer Künstlergruppe um Banksy, die vor kurzer Zeit in Bethlehem unterwegs gewesen ist, konnten wir nur wenige aufspüren. Zum Abschied aus der Stadt hat uns dann jedoch noch eine verrückte amerikanische Evangelistin mit ihren kruden Ansichten am Checkpoint unterhalten. Und uns einen weiteren Grund geliefert, nicht nur an Weihnachten, sondern an allen Tagen des Jahres weiterhin eine gesunde Distanz zur Religion zu bewahren.

(Die heutige Haaretz berichtet übrigens, dass in Israel 152.000 Christen leben und sie damit 2,1 Prozent der Gesamtbevölkerung ausmachen. Über 80 Prozent von ihnen sind arabisch, der Rest Angehörige von Einwanderer/innen. Die meisten christlichen Israelis leben in Nazareth (20.000), Haifa (17.200), Jerusalem (15.000) und Shfaram (8.800). Interessanterweise gleicht das Leben von ihnen mehr den jüdischen Israelis als den arabischen, was Altersstruktur, Verstädterung und Geburtenrate angeht.)

Haifa/ Haifa/
Haifa

Haifa/ Bethlehem/
Sonderbare Straßennamen in Haifa // Weihnachten in Bethlehem

Bethlehem/ Bethlehem/
Die Aussicht ist nicht so dolle…

Bethlehem/ Bethlehem/

Bethlehem/ Bethlehem/

Bethlehem/ Bethlehem/
Die Feindbilder sind klar…

Bethlehem/ Bethlehem/

Bethlehem/ Bethlehem/

Bethlehem/ Bethlehem/
Wen man so alles trifft…


4 Antworten auf “Es war Weihnachten?”


  1. 1 just 25. Dezember 2007 um 20:14 Uhr

    wow super bilder….
    magst du nicht ein paar bei www.reclaimyourcity.net hochladen ?? :)

    schoene tage noch!

  2. 2 Counting the Cats 25. Dezember 2007 um 20:55 Uhr

    Jupp, da werde ich mal die Fotos hochladen; wenn ich fertig bin, mich durch die unzähligen Bilder auf der klasse Seite zu wühlen :-)

  3. 3 juicet.blogsport.de 21. Januar 2008 um 22:07 Uhr

    die strasse ist nach moses hess benannt, was zwar nicht rasend komisch, aber doch verständlich ist.

  4. 4 Counting the Cats 22. Januar 2008 um 9:22 Uhr

    Das wird wohl stimmen, obwohl die Israels es versäumt haben, den Vornamen dazuzuschreiben. Und ich es gleichermaßen, einen Link zu setzen:
    http://de.wikipedia.org/wiki/Moses_Hess

    Insofern danke für den Hinweis! Und klasse, über den Link deines und noch ein paar mehr Israel-Blogs gefunden zu haben.

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