Gemeinschaft vs. Moderne: Der israelische Wohnungsmarkt

Der Kapitalismus ist evil, das weiß ja heute jede/r, und trotzdem hat er Fortschritte hervorgebracht, die zu würdigen sind. „Die fortwährende Umwälzung der Produktion, die ununterbrochene Erschütterung aller gesellschaftlichen Zustände, die ewige Unsicherheit und Bewegung zeichnet die Bourgeoisepoche vor allen anderen aus“, heißt es etwa im kommunistischen Manifest. Hergebrachte Bindungen werden erodiert, traditionelle Gemeinschaften zerbrechen in der Reduktion auf das bloße Interesse des Individuums. „Alle festen, eingerosteten Verhältnisse mit ihrem Gefolge von altehrwürdigen Vorstellungen und Anschauungen werden aufgelöst, alle neugebildeten veralten, ehe sie verknöchern können. Alles Ständische und Stehende verdampft, alles Heilige wird entweiht, und die Menschen sind endlich gezwungen, ihre Lebensstellung, ihre gegenseitigen Beziehungen mit nüchternen Augen anzusehn.“

Doch der traditionelle Kollektivismus mit dem Versprechen der sozialen Wärme und der bitteren Wahrheit gemeinschaftlich-repressiven Verhaltens versucht sich bekanntermaßen gegen den Einfluss der Moderne zu retten; in der Familie, in der Nachbarschafts-, ländlichen oder religiösen Gemeinde lebt er fort. Und selbst in den unmöglichsten Gefilden wird diese Auseinandersetzung ausgetragen – etwa auf dem israelischen Wohnungsmarkt.

So oder so ist dieser schon heiß umkämpft. Preise verdoppeln sich innerhalb weniger Monate, Mieter haben fast keine Rechte, günstige Wohnungen sind schwer zu finden. Besonders die Ultra-Orthodoxen mit ihren Großfamilien von nicht selten acht und noch mehr Kindern sind da vor gewisse Probleme gestellt. Mit Komitees von Rabbis versuchen sie dem nun vorzubeugen: Wer zu hohe Preise verlangt, wird geächtet, wer zu hohe Preise bezahlt, der auch. Da wird die Mutti dann nicht zu Frauenorganisationen eingeladen, Vati von den Tora-Lesungen ausgeschlossen und der Nachwuchs nicht zur Schule zugelassen. Wer sich dem Boykott nicht fügen will, wird selber Opfer.

Immobilienmakler und Betroffene freilich lassen sich das nicht bieten. Zwei Mitglieder eines ultra-orthodoxen Wohnungskomitees in Ramat Eshkol, berichtete die Haaretz am Montag, hätten bereits Morddrohungen erhalten. Gleichzeitig soll die Schule ihrer Kinder aufgefordert worden sein, diese auszuschließen, weil sie sonst niedergebrannt werden würde.

Harte Bandagen in einem Konflikt zwischen Kapitalismus und Tradition, der sonst doch so anonym und unangreifbar, versteckt hinter Irrationalitäten und Marktzwang, stattfindet. Es bleibt spannend, weiß auch die Haaretz: „Stay tuned“.