Party, Punkrock, Palästina – Israel am Wochenende

Halb 12, das ist eine akzeptable Zeit, um das Ende des Schabbat-Wochenendes mit einer leckeren Falafel von der Ben Yehuda vor dem Rechner zu beenden. Die Stadt flirrt zwar an diesem Samstagabend wie jede Woche noch vor Aktivität; jeder Laden, ob er nun Souveniers, Alkohol, Fast-Food, Beisammensein oder Musik anbietet, ist gut gefüllt, und wer nicht mehr hineinpaßt, vergnügt sich eben auf der Straße. Jugendliche tragen ihren Chic oder ihre Partner zur Schau, die Anhänger Rabbi Nachmans tanzen auf dem Kikar Zion (Zion Square) umher. Das Treiben toppt sogar noch das Nachtleben der Donnerstag- und Freitagabende, wo schon alle Welt der häuslichen Enge in den Kneipen und Bars in der überschaubaren Innenstadt entflieht. Jene paar Straßen sind in diesen Nächten leergefegt von den sonst allgegenwärtigen engstirnigen Religiösen, die sich am Schabbat dem Zwang der Tradition in der Familie hingeben.

Während die gute Friederike noch zum Tanzen ausgeht, ist halb 12 eine passable Zeit für die ausreichende Portion Schlaf, um morgen wieder früh aufzustehen. Schließlich beginnt die geplante Knesset-Tour schon arg zeitig. Und sowieso kann weder der Drum‘n'Bass-Technokrams in irgendeiner Kaschemme noch das Stoner-Rock-Live im Uganda mich sonderlich begeistern. Das Punkrock-Konzert gestern im Daila (Shlomzion Hamalka 4) war da schon eher ein Spektakel.

Ein überschaubares und recht junges Publikum von knapp zwei Dutzend Leuten sagte schon viel über die Jerusalemer Szene aus. Weil der Laden bereits um 12 Uhr schließen musste, erwischten wir nur noch die letzten beiden Bands, Sheinkin Punks aus Tel Aviv und eine Kapelle, deren hebräischer Name übersetzt Rotzkacke heißt. Vielleicht auch ihr russischer Name, denn das schien gestern die gängige Verkehrssprache gewesen zu sein. Interessanter als die durchschnittliche Musik, die nach monatelanger Punkrock-Abstinenz nichtsdestotrotz zum Kopfnicken einlud, waren die inhaltlichen Statements – die uns ein russischkundiger Reisender aus Finnland freundlicherweise bruchstückhaft übersetzte. Fast durchweg ging es um Themen, die in der Szene weltweit immer aktuell sind, Anarchismus schnappten wir auf, von Antifa war da was zu hören, und zwischendrin wurde dann noch für einen Linken aus Russland gesammelt, der dort bei einer Schlägerei mit Nazis wohl gefährlich verletzt worden ist. Die inhaltliche Ausrichtung an den zeitlosen Trends der globalen Subkultur statt der tatsächlichen politischen und sozialen Situation gipfelte im kollektiven Rufen der Parole „Antifa Jerusalem“ – angesichts der zu vernachlässigen Existenz von Nazis in Israel gleichermaßen skurril wie auch witzig und dumm.

Während diese unreflektierte Übernahme linker Allgemeinplätze von anderswo in der Subkultur noch belanglos ist, gerät sie in der radikalen Linken zur Farce. So durfte ich mich am Freitag von der Palästina-Solidarität der hiesigen Szenelinken bei einer Demo in Bil‘in überzeugen. Mehr als 1.000 Menschen, darunter wohl so 200 israelische und internationale Aktivist/innen, waren in dem Dorf zusammengekommen, um das dritte Jubiläum der wöchentlichen lokalen Proteste gegen den Sicherheitszaun vor Ort zu begehen.

All das lief, scheinbar wie jede Woche, recht routiniert ab. Die Menge zog durch das Dorf zum Grenzzaun, wo ein wenig gerüttelt wurde. Auf der gegenüberliegenden Seite, vielleicht 20 Meter entfernt und auf der Spitze eines zu erklimmenden Hügels – sozusagen als „King of the Hill“ – stand die IDF mit einer Handvoll Soldat/innen. Als Langeweile einsetzte, war die Armee so nett, einen Jeep knapp hinterm Zaun vorbeizuschicken, an dem die Kids ihre Steine loswerden konnten. Das widerrum lieferte den Anlass für einen Regen von Tränengasgeschossen, die nach ein oder zwei Stunden von vereinzelten Gummigeschossen abgelöst wurden. Nachdem irgendwann die Presse abzog, hatten auch die Randalekids keine Lust mehr und gingen zum Abendbrot in ihr Dörfchen zurück.

Auf Seite der israelischen Aktivist/innen weiß man um den wöchentlichen Ablauf und bereitete alle Teilnehmer/innen von Anfang an darauf vor. Der Großteil von ihnen wie auch der Demo blieb dementsprechend auch schon vorzeitig zurück, um sich keiner Gefahr auszusetzen. Dass trotzdem ein amerikanischer Aktivist verletzt wurde, scheint freilich praktisch zu sein, weil es für internationale Aufmerksamkeit sorgt.

Das scheint auch der einzige Zweck der Teilnahme von Israelis und Internationalen an den Protesten in Bil‘in und wohl auch anderswo zu sein. Denn von Zusammenarbeit kann keine Rede sein: Sie auf der einen und die Palästinenser auf der anderen Seite blieben ziemlich unter sich. Die Kommunikation beschränkte sich weitgehend auf eine Handvoll Kinder, die Kaffee, Palästina-Armbänder oder Bil‘in-CD-Roms an die Besucher/innen verkaufen wollten. Die einheimischen Organisatoren kümmerten sich nicht darum, ihre Reden ins Hebräische oder Englische zu übersetzen, und eigene Beiträge wurden von den Israelis und Internationalen nicht eingebracht. Einzig eine, wie sollte es anders sein, Trommeltruppe hatten sie aufzubieten, die zumindest für Abwechslung in der von arabischen Sprechchören, DFLP-Fahnen und Liedern geprägten Demo sorgte.

Dass der ganze Spaß nach der Freitagspredigt und an der örtlichen Moschee begann, schien die westlich geprägten Linksradikalen nicht zu irritieren. Auch die Dominanz von Mackern und Machos und die geringe, an einer Hand zu beziffernde Zahl von arabischen Frauen – natürlich verschleiert – schien sie weder zu stören noch zu Interventionen zu bewegen. Ihre Aktivitäten, erklärte mir S. von den Anarchists against the Wall, beschränken sich auf solche spektakulären, aber wenig nachhaltigen Aktionen wie die Demonstration. Bedingungen stellt man an die Partner dabei nicht, solange man ein gemeinsames taktisches Ziel habe. Insofern arbeitet man auch Leuten von der Hamas und dem Islamischen Djihad zusammen. Die Vertreter von denen sind ganz nett, meinte S. weiter, und warum sie ausgerechnet bei den Islamisten gelandet seien, könne sie nicht verstehen. Das sei wohl mehr von Zufällen und persönlichen Bekanntschaften geprägt. Dass sie für die Stärke reaktionärer und islamistischer Bewegungen und ihres Niederschlages im Alltag selbst in dem von der Fatah und der sehr moderaten DFLP geprägten Dorf keine Erklärung anzubieten hatte, überraschte mich doch sehr. Zumindest eine vermeintliche Analyse, dass eine Gesellschaft unter dem Zustand der Besatzung eben nicht mit demokratischen und „freieren“ Gesellschaftlichen verglichen werden kann und man deshalb mit jeder Hanswurstbefreiungsbewegung zusammenarbeiten müsse, hätte ich erwartet. Stattdessen ignorierte man dies total und marschierte gemeinsam mit den Möchtegernmärtyrern an Plakaten vorbei, die die Befreiung des ganzen historischen Palästinas inklusive Israels mit Granate und Kalaschnikow ankündigten, während die Frauen vom Balkon aus zuschauten.

Schade, dass der Tag in Bil‘in jenes traurige Bild von der Palästina-Politik der radikalen Linken Israels, das mir bisher auf Veranstaltungen und in Texten vermittelt worden ist, nicht revidieren konnte. Peppige T-Shirts, Parolen und Propagandaformen gibts zuhauf, während man seine Ideale eines liberalen, anarchistischen oder whatever Lebens den Palästinensern nicht zumutet und stattdessen lieber auf Action schielt. Ein ehemaliger Aktivist, den Friederike letztens auf einer Party kennengelernt hatte, erzählte ihr, dass er sich ein wenig zurückgezogen habe, weil sich trotz des jahrelangen Engagements so wenig zu ändern schien. Verwunderlich ist das freilich nicht, wenn man statt auf Analyse auf platten Aktionismus setzt. Doch das ist ja bekanntlich ein Problem, das nicht nur die radikale Linke Israels hat…

Da mein Begleiter C. ordentlich und vor allem super fotografiert hat, hier nur wenige Bilder, bevor ich in ein paar Tagen seine online stellen kann.

Demo Demo
Die einen und die anderen Demonstrant/innen

Demo Demo
Kontakt übers Handeln / Fragwürdige Vorbilder in Bil‘in

Demo Demo
Presse / Beliebte Motive I

Demo
Beliebte Motive II; ob ich das Andenken wohl durch die Sicherheitskontrollen am Flughafen bekomme?


6 Antworten auf “Party, Punkrock, Palästina – Israel am Wochenende”


  1. 1 Shizo 24. Februar 2008 um 5:43 Uhr

    was die AATW sache betrifft. hast du da die meinung der ganzen gruppe oder nur eines individuums eingezogen? ich kenn da leute, die die Hamas z.B. gar nicht mögen. watch it…

  2. 2 besserscheitern 24. Februar 2008 um 8:59 Uhr

    „Drum‘n'Bass-Technokrams in irgendeiner Kaschemme noch das Stoner-Rock-Live im Uganda mich sonderlich begeistern. Das Punkrock-Konzert gestern im Daila (Shlomzion Hamalka 4) war da schon eher ein Spektakel.“

    - Ich geh mal nur darauf ein, weil es für den Politkram einfach zu doll ist; immerhin haben uns eure ehemaligen Homies aus …. gerade eine schöne Feierei vorgesetzt. Ich wollte nur, da ich es in den letzte Tagen so sehr mit Musikbescheidwissertum habe, einen hämischen Kommentar loswerden. :P Der erste Satz macht eigentlich keinen Sinn, oder. (so wegen Äpfel und Birnenvergleich) Nimmt man den zweiten dazu dann kommt man denn doch schon langsam dahinter. Tja Vorliebe ist halt Vorliebe, ne. Soll ich noch weitermachen? (Bin grad so schön dabei.) Ihr könnt euch sicher zusammenreimen wer den Exzess-Express zuerst verließ, weil das Schweinesystejm am Sonntag besser zahlt. – Achtung kurzer Einschub – Die kleine Katze ist wieder gesund und munter und sprang gerade über die Tastatur – So. Ja, Exzess. Keine Angst es folgen keine demütigen Geständnisse über Peinlichkeiten oder Einfuhrprotokolle ;) mein Tip war ja Pacotek, ne. Die Jerusalemer Konsensdisse für alle gesetzten aber dennoch hedonistisch angehauchten Internet-Antideutschen, aber vermutlich ist zumindest einem der beiden „Provinzlinken“ das mal wieder garnix. Nun gut, das soll kein Vorwurf sein. (Ich würd mir auch nicht via Kommentarspalte Anweisungen geben lassen). _ um mal einen Punkt zu machen. MORGEN, oder besser nachher irgendwann les ich noch den Politscheiß. Versprochen! Und dann kratz ich mir die Birne von wegen diesem ganzen Text hier. Vielleicht.

  3. 3 Counting the Cats 24. Februar 2008 um 10:31 Uhr

    @Shizo
    Nein, ich habe nur mit einer Frau aus Jerusalem gesprochen und deshalb natürlich nur ihre Meinung gehört. Es wäre spannend gewesen, mehr zu erfahren, aber leider war in meiner Zeit in Israel hier in Jerusalem sehr wenig von der radikalen Linken zu hören. Meine mangelnden Hebräischkenntnisse haben es mir da natürlich nicht erleichtert…

    Und auf Partys zu gehen, ist für mich Frühaufsteher irgendwie nicht so das Ding. Insofern hat mich das sicherlich auch ein paar möglicher Bekanntschaften beraubt.

    @besserscheitern
    Über den Pacotek-Krams kann dir die gute Friederike dein Internetwissen auch gerne live ergänzen. Ist ja nicht mehr lange hin, bis wir da sind, und bis du dann auch wieder nüchtern bist :-)

  4. 4 dddddd 26. Februar 2008 um 14:55 Uhr

    „Denn von Zusammenarbeit kann keine Rede sein“

    was soll das sein? du bist einmal zu einer Demo gekommen, du kennst die Aktivisten nicht, auch nicht die Dorfanwohner und du willst behaupten dass da keine Zusammenarbeit gibt? schau mal den Film „Bil‘in Habibti“ an oder bleib einfach einige Tage in Bil‘in und dann sag mal dass es da keine Zusammenarbeit zwischen Israelis und Palestinaensen gibt.

    Es ist wirklich Schade dass du in Jerusalem so lange bist und fast keine Linksradikale getroffen. glaub mir, sie sprechen fast alle perfekt English, und einige auch Deutsch. Du kannst einfach mal mit den Leuten in Daila oder in AIC (im gleichen Haus wie Daila) sprechen. oder geh mal zu ICAHD (israeli committee against house demolition) in Ben Yehuda Str. 7. erste Stock.

  5. 5 Counting the Cats 27. Februar 2008 um 9:11 Uhr

    @dddddd
    Auf der Demo gab es keine Zusammenarbeit oder Kooperation, ich hatte von ausbleibenden gemeinsamen oder auch nur englischen/hebräischen Redebeiträgen und der räumlichen Trennung gesprochen. Es wäre töricht, und da könnte ich deine Aufregung verstehen, wenn ich mir aufgrund einer Demo gleich ein Bild von „der“ radikalen Linken Israels machen wollte.

    Dass die diversen Menschenrechtsgruppen mit Leuten zusammenarbeiten, ist natürlich klar, genauso wie da die personellen Abgrenzungen zwischen den verschiedenen Gruppen der (radikalen) Linken verschwimmen.

  6. 6 besserscheitern 03. Februar 2009 um 15:33 Uhr

    so, jetz aber langsam mal wieder wat schreiben!

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